Heimito von Doderers „Strudlhofstiege“

Die Sommerzeit ist ausgebrochen, die Abende sind vielleicht länger geworden, und ich möchte deshalb dem experimentierfreudigen Leser eine Expedition vorschlagen, die nicht nur seine literarischen und kulturellen Erfahrungen bereichern, sondern Leselust und Lesevergnügen für einen langen Zeitraum gewähren würde: sich für ein paar Wochen ausgiebig und ausschweifend in Heimito von Doderers „Strudlhofstiege“ zu vertiefen.

Fairerweise muß man die Warnung hinzufügen, daß dieses Werk vom heutigen Leser eine gewisse Kühnheit erfordert, weil es außergewöhnlich umfangreich, zudem politisch recht konservativ und weltanschaulich oft antimodernistisch ist. Das gilt allerdings nur für die Botschaft des 1951 erschienenen  Romans, nicht für seine Struktur. Es handelt sich nämlich eigentlich um einen postmodernistischen Roman. Wem diese Behauptung zu extravagant erscheint, braucht nur kurz Don DeLillos „Unterwelt“ zu durchblättern, und die Ähnlichkeiten des Erzählaufbaues (und, nebenbei bemerkt, auch einige der Zeitkritik) werden ihm in die Augen springen.

Die eine Schwierigkeit, die der Roman dem Leser entgegensetzt, ist sein Umfang. Aber wer Thomas Manns „Buddenbrooks“ gelesen hat, der sollte nicht ohne Not auf das süddeutsche Gegenstück verzichten, das bildungsmäßig, sprachlich und kulturell in vielerlei Hinsicht ein fesselndes und wichtiges Ergänzungsstück hinsichtlich deutscher (die Österreicher mögen mir den „Anschluß“ verzeihen) Sprache und Kultur ist.

Die zweite Schwierigkeit ist seine chaotische Zeitstruktur. Doderer hat, um das Ineinander von Vergangenheit und Gegenwart zu illustrieren, ein Labyrinth von Zeitverschränkungen errichtet, das dem Leser selbst bei der wiederholten Lektüre nur einzeln aufblitzende Durchblicke, aber keinen Durchblick im Sinne von Übersicht gewährt. Für die Bewältigung dieses Problems erscheint mir ein Leitfaden durch das Labyrinth sinnvoll, der dem Leser, vor allem aber jemandem, der über das Werk arbeiten will, eine Orientierungshilfe gibt.

Nun wäre es bestimmt kein Gewinn, den Erzähldschungel Doderers durch eine strukturelle Blaupause zu ersetzen. Die Unzugänglichkeit und das Dunkel eines Labyrinths machen seinen Reiz aus, und ich bin nicht sicher, ob man dem Leser wirklich einen Gefallen damit tut, es zu kartographieren und damit verfügbar zu machen. Schöner und interessanter ist es für den Leser sicherlich, sich ins Opalisierende, Flirrende und Unüberschaubare hineinlocken zu lassen. Wie uns im Roman die altösterreichische Architektur der real in Wien existierenden Strudlhofstiege lehrt, ist nämlich der direkte Weg im Leben keineswegs der beste (weil er leicht in den freien Fall übergehen kann, z. B. wenn man sich gerade im Berg befindet, was im Leben oft der Fall ist!), und unsere Ziele erreichen wir vollkommener und vor allem unbeschädigt in dem mäßigenden Hinüber und Herüber, in dem die Treppen der Stiege unseren Weg führen. Genauso verhält es sich auch mit der Architektur des Romans, nur daß der Autor der „Strudlhofstiege“ den Architekten der Strudlhofstiege noch überbietet, indem er uns ein wahrhaftes Labyrinth als den gehaltvollsten und ertragreichsten Weg zum Ziel zumutet.

Nur ein Piefke oder ein Banause könnte auf die Idee kommen, dem Leser diese wunderbaren Umwege des Romans zu ersparen, um ihm in direkter Plumpheit eine Botschaft des Romans aufdrängen zu wollen; das wäre ein Sakrileg gegen den Geist Wiens und des Romans, denn es  wäre der Sieg der Rationalisierung über die epische Breite des Lebens, der Industriearbeit über das Kunstwerk, der Nützlichkeit (für wen aber?) über die Schönheit.

Ich bin kein Piefke. Aber ich denke, daß trotz der Einwände ein roter Faden nützlich sein kann, und zwar um sich die Erzähllandschaften der„Strudlhofstiege“ überhaupt zu erschließen. Schüler und Studenten, die über das Werk arbeiten wollen, haben nicht in jedem Falle die Zeit, sich – wie der Verfasser dieses Leitfadens – über etwa zwanzig Jahre hinweg mit dem Werk so vertraut zu machen, daß sie mit ihm ohne große Zeitverluste durch das Suchen nach den Erzählfäden in den verschiedenen Zeitebenen arbeiten könnten. Es ging mir deshalb bei dieser Arbeit um eine Orientierungshilfe im Dschungel des Romans, damit man sich immer klar machen kann, wo man gerade steht und wohin der Weg führt, aber es ging mir nicht um die Abkürzung der Wege, die der Leser zurücklegen muß.

Zu diesem Zweck habe ich, hoffentlich streng in den Grenzen der Evidenz verbleibend, eine zurückhaltend interpretierende Inhaltsangabe geschrieben, die durch Einrückung die verschiedenen Zeitebenen voneinander absetzt. Zeitliche Vor- und Rückgriffe innerhalb der Zeitebenen sind durch Unterlegung mit Gelb gekennzeichnet, die (seltenen) Kommentare des Erzählers durch Rot. 

Warum aber muß ein literarisch affizierter Leser die „Strudlhofstiege“ lesen? Weil er sonst – zu Recht – sein Leben lang von dem Verdacht gequält werden wird, etwas ganz Wichtiges in seinem Leben versäumt zu haben. Und wenn er sich wirklich einmal in den Erzählsträngen verheddert haben sollte, möge ihm der folgende Handlungsfaden die Knoten zu entwirren helfen.

 

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